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RAINER SCHENK

Herr Selcuk könnte es nicht besser machen …
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Rainer Schenk verfolgt mit seinem Projekt „Herr Selcuk …“ unter anderem die Frage wie erfolgreiche Integration in einer Kleinstadt aussehen kann? Welche Anpassungsmodalitäten werden von einem Fremden erwartet, der sich in die Kleinstadt integrieren möchte? Kirchheim wird dabei zum exemplarischen Austragungsort für Rainer Schenks Selbstversuch: Als Fremder bittet er Passanten um eine Empfehlung wie man Kirchheimer werden kann bzw. wie man als dreißigjähriger Kirchheimer auszusehen hat. Die Umwandlung des Studenten zum Kirchheimer wird zum Spiegelbild unterschiedlicher sozialer Geschmacks- und Wunschvorstellungen, die äußerst klischeehaft mit denen von einem westeuropäischem Angestellten aus der unteren Mittelschicht zusammenfallen und eine schichtspezifische Tendenz zur Unauffälligkeit und Anpassung verraten.

Weitere Informationen: http://www.tecktopisierung.de


Rainer Schenk mit Frau Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, die den Neu-Kirchheimer willkommen heißt.

Foto ? und Fotomontage © Rainer Schenk

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DONGWHAN JO / HAEJUN JO
Oral Statement Drawing Series 2009 – 2010
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Der koreanische Künstler Haejun Jo (Jg. 1972) arbeitet seit mehreren Jahren an der Schnittstelle von gesellschafts-politischen Prozessen und individuellen Erinnerungen.

Für sein Projekt in Kirchheim/Teck untersucht er die Ursachen, aber auch die Erwartungen und heutigen Lebensbedingungen ehemaliger russischer Migranten, die in den 50er und 90er Jahren nach Kirchheim gekommen sind.

Seine Interviews beruhen auf dem generellen Interesse an historischen Prozessen, die mit Krieg, Gewalt, Vertreibung, Zensur, aber auch mit der eigenen Familienbiografie oder der von anderen verknüpft sind.

Die Befragung ehemaliger Flüchtlinge und Migranten in Kirchheim/Teck entspricht ebenfalls diesem Vorgehensmuster, bei dem globale politische und ökonomische Veränderungen mit der individuellen Lebensgeschichte verbunden werden. Ein weiterer subjektiver Anteil kommt durch den Übersetzer Bernhard Lang hinzu, der die Ergebnisse der Befragung vom Deutschen ins Koreanische überträgt.  Diese Form der Kollaboration ist seit 2002 charakteristisch für die künstlerische Arbeit von Haejun Jo:

Auf der 11. Istanbul Biennale 2009 zeigte Jo beispielsweise eine 32-teilige Zeichnungsfolge aus dem Leben seines Vaters (Jg. 1934), der selbst auch Künstler ist. „US Army and Father – Documentary Drawing Series (2002 – 2009)“ besteht aus Zeichnungen und Texten, die auf Erinnerungen seines Vaters Dongwhan Jo an den Koreakrieg 1945 -1959 zurückgehen. Auf diese biografisch konnotierte Zeichnungsfolge aus dem Jahr 2002 beruht auch die Zusammenarbeit der beiden Künstler, die als „Father & Son Project“ in die zeitgenössiche Kunst einging.

Die Kollaboration von „Father & Son“ bildet auch die Grundlage der „Oral Statement Drawing Series“.
Die Ergebnisse der Interviews, die Orte und die beteiligten Personen werden detailgetreu aufgeschrieben und  an den Vater nach Jeonju in Korea geschickt. Dongwhan Jo überträgt die handschriftlichen Schilderungen seines Sohnes zwar textnah in Bleistiftzeichnungen, die jedoch nie frei vom „koreanischen Blick“ auf Deutschland sind. (SJ)


Abb. 1. Haejun Jo, Konzept für Oral Statement in Kirchheim, 2. Interview mit Frau Elvira Gehl,
3. Aufbausituation der Oral Statement Zeichnungsfolge in der Galerie im Kornhaus (Fotos: © Susanne Jakob)

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JAKOB FRIEDL – RADRÜTTELZEICHNUNGEN
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Jakob Friedl umkreist und durchkreuzt mit einem umgebauten Fahrrad, auf dem ein Zeichenbrett montiert ist, städtische Umgebungen. Wie ein Seismograph zeichnete er Gesehenes sowie topografische Veränderungen und Unebenheiten auf. Die urbanen Radfahrten des Künstlers resultieren dabei weniger  aus einer sportiven Neigung als vielmehr aus einem Erkenntnisinteresse, für das auch das wiederholte Hin- und Herfahren, Rauf- und Runterfahren derselben Strecke spricht. Die Aufzeichnungen seiner mehrtägigen Geländeuntersuchung werden in der Kornhausgalerie gezeigt.

1. 28 x hin;  2.  4 x zurück;  3. her


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RE-ENACTMENT zu Jakob Friedls Radrüttelzeichnungen
by  BYUNG CHUL KIM
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Der in Stuttgart lebende Performancekünstler Byung Chul Kim nahm spontan als Gast am Projekt TECKTOPISCH teil.
In seinem Nachvollzug der Radrüttel-Aktion von Jakob Friedl interessierte ihn vor allem der performative Aspekt, der in Jakob Friedls Radrüttelzeichnungen ebenfalls enthalten ist. In perfektem Rennfahrerdress fuhr Byung Chul Kim die von Friedl ausgewählte Strecke nach. Neben den während der Aktion entstandenen Zeichnungen, sind vor allem die Fotodokumente der Aktion von Bedeutung.

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ALMUT REICHENBACH   HAUSARBEIT I
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Mit einer Installation aus schwarzen Pferdehaaren im Aufzug des Kornhausmuseums und mit einem haarigen Bildimplantant, das in eine Gruppe von historischen Haarbildern aus dem 19. Jahrhundert eingefügt wurde, betont und kommentiert Almut Reichenbach ungewöhnliche (objekthafte) Sammlungsexponate des Museums.

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NINA WALSER
„Die Zeit verfliegt, wenn man isst …“
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Die Arbeitsplatte eines alten Küchentisches überzog Nina Walser mit einem Stadtmodell aus waldbeerfarbiger Gelatine.
Das zähflüssige  Material, aus dem die geruchsintensive Modellstadt geformt wurde, zeigt zum einen klare, am realen Vorbild orientierte Architekturformen; zugleich zieht es sich wie Spinnweben über den Tischrand zum Boden, wodurch das Stadtmodell etwas Transitorisches und Vergängliches erhält.

Fotos: © Susanne Jakob